Schuldig wie die Hölle

Kommissar Jan Jäger, von den Kollegen gerne Jay-Jay gerufen und von der Halb- und Unterwelt es Hamburger Kiez mit hohem Respekt als „The Hunter“ tituliert, war auf der Jagd. Es war eine regnerisch trübe Nacht und unten am Fischereihafen drang nur die Reklameleuchte der Pinte „Flache Flunder“ durch die nebelige Suppe der Feuchtigkeit.

The Hunter war ganz ruhig, er wusste, dass eine Beute in der Kneipe war und er wusste auch, wie er ihn herauslocken würde. Er spürte zwar schon die Gicht in den alten Knochen, aber es gab Dinge, die musste er allein tun. Ilja der Bulgare war seine Beute und er musste ihn heute erlegen, denn Ilja saß in der Falle, die er für ihn bereitet hatte.

Er hatte ein Treffen mit einem „Großabnehmer“ für Iljas Stoff inszeniert, die aber nur eine Chimäre war. Der Abnehmer war nämlich einer seiner V-Leute und sollte Ilja nur in das fremde Terrain locken. Ilja war ein extrem böser Junge und musste gestellt werden und The Hunter hatte alles vorbereitet, um das böse Spiel des Bulgaren zu beenden.

Der war eingedrungen in eine fast gänzlich kontrollierte Halb- und Unterwelt hier am Kiez. Jan Jäger war hier aufgewachsen und kannte jeden, der länger als ein Jahr hier beheimatet war - auf seinem Kiez. Und wer an seiner Mole den Anker warf, hatte sich seinen Spielregeln unterzuordnen – oder er wurde Freiwild. So wie jetzt Ilja der Bulgare. Das hatte nichts mit Nationalität zu tun. The Hunter war ein Kind vom Kiez und Nationalitäten verloren hier ihre Wertigkeit, hier gehörte man dazu – oder eben nicht. Und Ilja gehörte nicht dazu, denn er hatte sich mit seinem Verhalten selbst disqualifiziert. Er wilderte in fremden Revieren und respektierte nicht die internen Gesetze der Szene. Also musste er dem Jäger anheimfallen. Und das sollte hier und heute passieren.

Jan Jäger rief über sein Handy die Kollegen an: „Jetzt!“ sagte er nur und das Telefon in der "Flachen Flunder" läutete und irgendjemand sagte im Hörer zu Hein dem Wirt der Kneipe im Flüsterton: „Die Bullen wollen Ilja greifen, sag ihm Bescheid.“

Hein beugte sich zu Ilja und flüsterte ihm die Nachricht ins Ohr. Der fuhr auf, wie von der viel zitierten Tarantel gestochen, sah sich gehetzt um und rannte panisch aus dem Lokal.

Und als er aus der Kneipe rannte, war das Letzte, das er in seinem Leben sah, eine orange-rote Feuerblume, aus deren Mitte ein schwarzer, runder Fleck auf ihn zuraste, der sich durch seine Stirnplatte bohrte, sein Hirn durchquerte und am Hinterkopf wieder austrat und zu Boden plumpste, ebenso wie der seelenlose Körper von Ilja dem Bulgaren.

The Hunter beugte sich über ihn, malte ein imaginäres Kreuz über das Loch in seiner Stirn und sagte leise: “Gott sei deiner verderbten Seele gnädig – irgendwo wird eine Mutter um dich weinen, aber du hättest dich an die Gebote des Reviers halten sollen, dann würdest du jetzt nicht hier liegen!“ In der Ferne hörte er das Martinshorn der Kollegen, die längst informiert waren. „Von Kontrahenten in die Falle gelockt und ermordet“, würde in der Zeitung stehen und niemand würde es jucken. Er wandte sich ab, machte ein paar Schritte zur Kaimauer und warf die Waffe ins Hafenbecken und ging dann gemächlich in Nacht.

Seine Frau wartet schon mit dem Abendessen auf ihn, sie hatte Labskaus gekocht, sein Lieblingsessen und er wollte sie nicht warten lassen.

Denn jetzt war wieder alles in Ordnung in seinem Revier. Dieser Mann war schuldig gewesen wie die Hölle und dahin hatte er ihn geschickt – nicht nach den Gesetzen der Menschen, sonder nach den Gesetzen seines Reviers.


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